Marguerite war ein kränkliches Kind, litt unter Atemwegsproblemen und verbrachte viel Zeit im Atelier ihres Vaters Henri Matisse. Im Lauf der Jahre fertigte der Maler zahlreiche Portraits seiner Tochter an, über 100 dieser Werke sind bis 24. August im Musée d‘Art moderne (MAM) zu sehen. Sie sind zwischen 1906 und 1945 entstanden und geben nicht nur einen Einblick in das Leben der Tochter, sondern dokumentieren gleichzeitig die künstlerische Entwicklung des Vaters.
Die Ausstellung startet mit “Intérieur à la fillette“ (Bild), das Werk entstand 1905/1906 in Paris. Es zeigt eine lesende Marguerite: An einem Tisch sitzend und den Kopf auf die Hand gestützt, ist sie ganz in ihre Lektüre vertieft. Das bleiche, fragile Kind ist umgeben von einem wilden Farbenrausch, dem Markenzeichen des Fauvismus.
„Die verwendeten Gegen- und Komplementärfarben müssen eine Beziehung eingehen“, proklamierte Matisse. Das Bild ist heute im Eigentum des New Yorker Museum of Modern Art.


Marguerite (1894 – 1982) geht aus einer Affäre des Malers mit seinem Modell Caroline Joblaud hervor. Das Paar trennt sich bald, Matisse heiratet Amélie, die sich fürsorglich um das kleine Mädchen kümmert, sogar als es an Diphterie erkrankt und immer wieder Operationen an der Luftröhre ertragen muss. Ein normaler Schulbesuch ist nicht möglich und so wird Marguerite zur „gosse d’atelier“, einer Malertochter, die mehr oder weniger im Atelier des Vaters aufwächst.
Bild: Henri Matisse, Amélie und Marguerite lebensgroß in der Ausstellung
Obwohl sie auch zwei Brüder hat, steht Marguerite ihrem Vater besonders nahe. Henri Matisse und seine Tochter sind beide äußerst pflichtbewusst und neigen zu Selbstzweifel, halten die AusstellungskuratorInnen fest. Die Tochter vertritt ihren Vater bald auch in geschäftlichen Belangen, nebenbei malt sie selbst und entwirft Mode.
Ihr Vater lebt nun in Nizza, sie selbst in Paris. Das Modell Henriette rückt zur Vertrauten des Malers auf, die Tochter ist kaum mehr auf seinen Bildern dargestellt. 1923 heiratet Marguerite den Schriftsteller und Kunstkritiker Georges Duthuit, Sohn Claude kommt 1931 zur Welt. Schon vier Jahre später trennt sich das Paar.
Bild: Selbstportrait Marguerite Matisse (um 1915/16)

Während der Zeit der deutschen Besatzung engagiert sich Marguerite in der Résistance. Um ihren Sohn zu schützen, schickt sie ihn in die USA, sie selbst wird 1944 verhaftet. Marguerite soll nach Deutschland deportiert werden, es gelingt ihr jedoch die Flucht und sie kann sich zum Vater nach Vence retten. Henri Matisse erlebt seine Tochter gereift, aber auch gezeichnet von der Haft. Mit einer Serie von sechs Lithographien verewigt er Marguerite ein letztes Mal. Er stirbt 1954, seine Tochter betreut sein Werk bis zu ihrem eigenen Tod am 1. April 1982 in Paris.
bis 24. August 2025 im MAM, 11 Avenue du Président Wilson
Erreichbarkeit: Métro M9, Station Trocadéro oder Iéna
Quellen: Ausstellung Matisse et Marguerite und connaissance des arts, hors-série, Matisse&Marguerite