„Was an der Wirklichkeit ausdrucksvoll ist, hole ich heraus, stelle ich einfach dar, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran. So bleibt die Vollständigkeit der Naturerscheinung außer Acht, die Formen sammeln sich in Umrissen, die Farben zu Flächen, es entstehen Abrisse der Welt…“ (Gabriele Münter)
Wie die Malerin Gabriele Münter das wurde, wofür sie heute steht, zeigt eine Ausstellung im Pariser Musée d’Art Moderne. In sieben Abschnitten zeichnet die Schau ihre Entwicklung zu einer Ikone des deutschen Expressionismus nach (bis 24. August).

Gabriele Münter, geboren 1877 in Berlin, verlor früh ihre Eltern und verbrachte deshalb zwei Jahre (1898 – 1900) bei Verwandten in den USA . Sie hatte bereits in jungen Jahren privaten Zeichenunterricht erhalten und war auch in der neuen Umgebung immer mit ihrem Skizzenblock unterwegs, um Familie und Alltag naturgetreu abzubilden. Als sie eine Kamera geschenkt bekommt, widmet sich Gabriele der Fotografie. „Kodak Girl“ übertiteln die Ausstellungs-Kuratoren deshalb die Arbeiten aus den US-Jahren.
Zurück in Deutschland nimmt sie Unterricht in München, wo sie sich mit Akt- und Köpfestudien beschäftigt. Anschließend lässt sie sich im Holzschnitt und in der Bildhauerei ausbilden.
Bild: Selbstportrait, um 1909
An der Phalanx-Schule, die den althergebrachten Kunstbetrieb überwinden will, trifft sie auf Wassily Kandinsky.
Der – verheiratete – Maler sollte ihr Lehrer und Lebensgefährte werden. Die beiden reisen quer durch Europa und setzen über nach Tunesien. Die Künstlerin fertigt Perlstickereien nach Kandinskys Vorlagen und fotografiert auch immer wieder. Über Italien geht es nach zwei intensiven Reisejahren zurück nach München. 1906 kommt das Paar in Paris an. Gabriele findet zu einem postimpressionistischen Stil, bringt die Farbe in Spachteltechnik mit einem Messer auf.
Bild: Kandinsky wie ihn Münter sah, Farblinolschnitt 1906

Bald führt sie ein eigenständiges Leben, geht auf Abstand zu Kandinsky, freundet sich mit dem US-Sammler-Ehepaar Stein an, das Werke von Renoir, Cézanne, Gauguin, Matisse und Picasso sein Eigen nennt. Sie setzt weiterhin auf Druckgraphik und beschickt die Salons mit ihren Holz- und Farblinolschnitten. Diese Arbeiten zeichnen sich durch klare Umrisslinien und Flächen aus.
Ein wichtiger Wendepunkt in ihrem Schaffen ist der Aufenthalt mit Kandinsky und Künstlerfreunden in Murnau am Staffelsee (Bayern) im September 1908. Hier ging ihr „ein Knopf auf“, wie sie selbst schrieb. Der spätimpressionistische Ansatz verschwand und sie fand zu vereinfachten Formen, großen Flächen, starken Farben, flüssig und schwungvoll aufgetragen, oft von dunklen Konturen umfasst.



Zwischen 1908 und 1914 etabliert sich die junge Frau als wichtige Figur im (männlich dominierten) Münchner Kunstbetrieb, ist in der Neuen Künstlervereinigung und im Blauen Reiter aktiv. Ihre Werke verkaufen sich gut in Deutschland und „von Moskau bis Chicago“.
Sie erwirbt eine Villa in Murnau. Der Erste Weltkrieg führt das Paar nach Skandinavien, der Russe Kandinsky reist weiter in seine Heimat. Nach einem gemeinsamen Weihnachtsfest 1915 in Schweden verschwindet Kandinsky und lässt seine Gefährtin ohne Nachricht. Jahre später erfährt sie, dass er sich von seiner ersten Frau scheiden ließ, um die 32 Jahre jüngere Nina zu ehelichen. Gabriele Münter leidet sehr unter seinem Betrug. Ein langer Rechtsstreit um in Münters Besitz verbliebene Werke Kandinskys sollte folgen.

Das einfache Leben, Landschaften und – auch aus finanziellen Gründen – immer wieder Portraits prägen ihr Werk. Ab den dreißiger Jahren werden ihre Darstellungen als irgendwie nüchterner, kälter, purer beschrieben: klare Farben, schwarze Konturen.
Sie lebt mit ihrem neuen Gefährten, dem Kunsthistoriker Johannes Eichner, am Staffelsee und malt „ohne Umschweife“. Mit dem Aufstieg der Nazis verbirgt Gabriele ihr künstlerisches Schaffen vor der Öffentlichkeit und versteckt die erstrittenen Kandinsky-Werke im Keller des Murnauer Hauses.
Im 80. Lebensjahr vermacht sie ihre rund 1000 Werke umfassende Kunstsammlung dem Münchner Lenbach-Haus, ihre eigenen Arbeiten touren um die Welt. Gabriele Münter stirbt im Mai 1962 in Murnau.
Bild: Selbstportrait, um 1921
Gabriele Münter, Peindre sans détour,
bis 24. August 2025 im MAM, 11 Avenue du Président Wilson
Erreichbarkeit: Métro M9, Station Trocadéro oder Iéna
Quellen: L’objet d’art, hors-série, Paris 2025 Gabriele Münter, Peindre sans détours, MAM